Sie ist eine international erfolgreiche und mit vielfachen Preisen ausgezeichnete deutsche Schauspielerin im Film und am Theater – Nina Hoss. Durch ihre Rolle in Bernd Eichingers „Das Mädchen Rosemarie“ 1996 wurde sie über Nacht berühmt. In ihrem aktuellen Film „Schwesterlein“, der ab dem 29. Oktober 2020 in den deutschen Kinos läuft, spielt Nina Hoss eine Theaterautorin und die Zwillingsschwester Lisa eines an Leukämie erkrankten Theaterschauspielers. Mit Verschlechterung seines Zustandes ermutigt er seine Schwester ihrer eigenen kreativen Energie zu vertrauen und wieder anzufangen, zu schreiben. In ihrer Angst um den Bruder und ihrer Trauer über seine schwere Erkrankung, findet sie wieder Zugang zu ihrer eigenen „Schaffens-Kraft“ – ihrem dramaturgischen Schreiben.
 
 

„Ich habe keine Angst, mich mit Tod und Verlust auseinanderzusetzen. Der Tod macht einem bewusst, wie kostbar das Leben ist.“

Nina Hoss

Der offizielle Trailer für den Film "Schwesterlein"

 

Interview mit Nina Hoss

In einem Interview für die José Carreras Leukämie-Stiftung erklärt Nina Hoss, wie es zu diesem Filmprojekt kam und was sie daran fasziniert hat.

 
 
Wie war das, als die Regisseurinnen, Véronique Reymond, Stéphanie Chuat Ihnen die Geschichte von „Schwesterlein“ vorgeschlagen haben. Was hat Sie an der Geschichte und der Rolle interessiert?
 
Nina Hoss: Es war so, dass wir uns zufällig zur Zeit der Berlinale begegnet sind. Ich stand gerade in einem Geschäft und suchte nach einem Geschenk für eine Freundin, als die beiden Regisseurinnen mich ansprachen und fragten, ob ich Lust hätte, einen Kaffee mit ihnen trinken zu gehen. Die Filmgeschichte, die sie mir dort erzählt haben, hatte sich dann über die fast viereinhalb Jahre, bis die Finanzierung zustande kam, weiterentwickelt. Ich war aber so überzeugt, dass die beiden Regisseurinnen trotz aller Dramatik einen leichtfüßigen Ton finden. Wenn man Menschen beim Sterben begleitet, wie Lisa ihren Bruder Sven, dann kann man die Erfahrung machen, dass bei der ganzen Tragik auch der Humor und das Lachen naheliegen. Und das haben die beiden Regisseurinnen so gut im Alltäglichen beobachtet, nachempfunden und in ihrem Buch beschrieben, dass ich die Figur einfach gerne spielen wollte.
 
Sie haben mal gesagt, dass Sie für Ihre Filme/Rollen wahnsinnig gerne recherchieren und lernen. Was war das, was Sie durch die Geschichte oder die Rolle der Lisa gelernt haben?
 
Nina Hoss: Ich denke, wenn man sich den Situationen wie Tod und Verlust nicht stellt, nimmt es uns etwas vom Leben. Ich bin der festen Überzeugung, wenn man gemeinsam durch etwas hindurchgeht – wie die Figuren Lisa und Sven – dann macht es den Verlust erträglicher. Und dieser Verlust gibt der Lisa auf eine merkwürdige Weise wieder eine Perspektive, eine Kraft. Das ist das, was der Film erzählt und was ich in der Beschäftigung damit auch wieder mitgenommen habe. Das ist fast wie eine Bestätigung, dass es sich lohnt, den Weg eines Verlustes gemeinsam zu gehen. Das Thema Leukämie ist in dem Film „Schwesterlein“ zum Teil recht konkret in Szene gesetzt, es wird von myeloisch, der Stammzelltherapie, dem verrutschten Mundschutz etc. gesprochen.

Nina Hoss im Interview über ihren Film "Schwesterlein"

 
Wie gut kannten Sie sich mit dem Thema Leukämie und dessen Behandlung aus?
 
Nina Hoss: Ich wusste von der Stammzelltherapie, wie diese abläuft und was sie bedeutet. Aber über die unterschiedlichen Formen von Leukämie wusste ich nicht genau Bescheid. Ich bin dann durch Patienten, die ich kennengelernt hatte, mit Leukämie in Berührung gekommen. Auch meine beiden Eltern sind an Krebs verstorben, sodass ich auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen habe. So wusste ich beispielsweise wie es ist, immer im Krankenhaus zu sein, diese Besuche in den Alltag einzubauen und wenn man die ganzen medizinischen Begriffe in den Mund nimmt, als hätte man das studiert.
 
Besonders beeindruckt hat uns Ihr emotionales Spiel, die unterschiedlichen emotionalen Facetten Ihrer Figur der Lisa. Dabei hat uns Ihre große Glaubwürdigkeit sehr berührt und uns sehr in die Welt der Lisa mitgenommen. Wie haben Sie sich die Figur der Lisa genähert, diesen emotionalen Facetten ihrer Lisa?
 
Nina Hoss: Ich suche nach den Gegensätzen. Es sind die Widersprüche, die so nah beieinanderliegen – der Kampf und das Loslassen, die verschiedenen Phasen des Abschieds, in denen die Figur erst verdrängt, verneint und dann kämpft bis Lisa zur Akzeptanz kommt. Das braucht Kraft und Zeit von demjenigen, der geht und derjenigen, die begleitet. Ich habe keine Angst davor, mich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, weil für mich der Tod zum Leben dazugehört und Krankheit eben auch. In Auseinandersetzung mit dem Tod, wird man sich bewusst, wie kostbar das Leben ist und wie schnell Dinge vorbeigehen können. Je mehr man sich damit beschäftigt, und das zeigt auch der Film, kann es einem viel Kraft geben, weil am Ende das Licht wiederkommt. Die Lisa verliert den Menschen, der ihr vielleicht am Nächsten und Wichtigsten ist. Aber dadurch, dass Sven nicht lockerlässt und er ihr das Abschiedsgeschenk macht, sie zu bestärken, ihrer eigenen kreativen Energie zu vertrauen und das zu tun, was sie ausmacht, nämlich das Schreiben, hinterlässt er ihr etwas, dass sie einen neuen Anlauf nimmt und dadurch Kraft gewinnt. Das sind Lebensbeobachtungen und Erfahrungen, die ich in dem Drehbuch so toll beschrieben fand.