Leukämie und andere Bluterkrankungen

 

Mit dem Ziel, die Lebensqualität der Patienten und Patientinnen zu verbessern und eines Tages Leukämie für alle Erkrankten heilbar zu machen, fördert die José Carreras Leukämie-Stiftung (DJCLS) seit 1995 Wissenschafts-, Infrastruktur-, und Sozialprojekte in den Bereichen Leukämie und bösartiger verwandter Blut- und Knochenmarkerkrankungen. Informationen zu den einzelnen Erkrankungen, Diagnostik und Therapien finden Sie nach und nach hier vorgestellt.

Außerdem möchte die DJCLS die Geschichten von LeukämiepatientInnen mit Ihnen teilen, um einen Einblick zu verschaffen, wie eine solche Diagnose das Leben der Betroffenen und ihrer Familien beeinflusst und wie die verschiedenen, teilweise bahnbrechenden Therapien angewandt werden.

Wir hoffen, dass diese Informationen weiterhelfen, die Krankheit etwas besser zu verstehen. Sollten Sie Fragen dazu haben, so setzen Sie sich gerne mit uns in Verbindung.

Was ist eine Leukämie?

Leukämie wird auch Blutkrebs genannt. Leukämie bezeichnet eine Gruppe von Krebserkrankungen des blutbildenden Systems, genauer gesagt der weißen Blutkörperchen oder der Zellen, die sich zu weißen Blutkörperchen entwickeln. Allen Leukämien ist gemeinsam, dass der normale Reifeprozess der weißen Blutzellen durch eine krankhafte Veränderung des Erbgutes (Gene) in der Zelle gestört ist. Diese Veränderung behindert die normale Ausreifung der Zelle. Die weiße Blutzelle kann sich unkontrolliert teilen und vermehren und verdrängt damit die gesunde Blutbildung. Es entstehen Zellen, die ihre normale Funktion im Körper nicht mehr ausüben können.

Wo entsteht Leukämie?

Leukämien entstehen im blutbildenden System. Das blutbildende Organ ist das Knochenmark. Dort entwickeln sich die weißen Blutkörperchen aus den sogenannten Stammzellen. Leukämische Zellen – in der Fachsprache auch leukämische Blasten genannt – reichern sich im Knochenmark an und verdrängen gesunde Zellen. Auf diese Weise verhindern sie, dass sich Blutzellen mit normaler Funktion entwickeln können. Die Neubildung normaler roter und weißer Blutkörperchen sowie Blutplättchen ist vermindert.

Dies kann dazu führen, dass zu wenig

  • … rote Blutkörperchen vorhanden sind und eine Blutarmut entsteht,
  • … normale weiße Blutkörperchen vorhanden sind und die körpereigene Abwehr gegen Krankheitserreger vermindert ist, so dass gefährliche Infektionen auftreten können,
  • … Blutplättchen vorhanden sind und damit ein erhöhtes Blutungsrisiko besteht.

Leukämische Zellen können über das Blut aus dem Knochenmark ausgeschwemmt werden und sich in anderen Organe einlagern. Dadurch kann es zu Vergrößerungen der Lymphknoten, der Milz, der Leber und/oder des Hodens kommen. Es können auch Störungen der Nieren- oder Leberfunktion und bei Befall des Gehirns neurologische Symptome, z.B. Krampfanfälle oder Kopfschmerzen, auftreten.

Warum entsteht eine Leukämie?

Leukämien entstehen durch Veränderungen (Mutationen) des Erbgutes (Gene) in unreifen Zellen. Treten mehrere Mutationen in einer einzigen Zelle auf, kann diese entarten und eine Leukämie auslösen. Diese Mutationen treten in aller Regel zufällig und spontan auf. Ärzte und Wissenschaftler gehen davon aus, dass bestimmte Veranlagungen zum individuellen Leukämierisiko beitragen können. Umweltfaktoren, die das Risiko einer Leukämie erhöhen können, sind ionisierende Strahlen und chemische Substanzen, wie beispielsweise Benzole und einige Arten von Chemotherapie. Viele solcher gefährlichen Mutationen kann der Körper durch Reparatur oder Zelltod unschädlich machen. Auch das Immunsystem in der Lage, entartete Zellen zu erkennen und zu vernichten. Bei der Entstehung einer Leukämie jedoch wie auch bei anderen Krebserkrankungen ist dies Selbstregulation des Körpers fehlgeschlagen.

Welche Arten von Leukämien gibt es?

Leukämien werden nach der Dynamik, mit der sich die Erkrankung entwickelt, und nach der Art der Zellen, aus denen sich die bösartigen Zellen entwickeln, unterteilt.

Da gibt es zunächst die Unterscheidung von akuten und chronischen Leukämien

  • Akute Leukämien schreiten schnell voran und bestehen aus unreifen Zellen
  • Chronische Leukämien schreiten langsamer voran und bestehen aus reiferen Zellen

Zusätzlich werden die Leukämien danach unterteilt, aus welchen Vorläufer-Zellen die entarteten Zellen entstehen. So gibt es die myeloische Vorläuferzelle und die lymphatische Vorläuferzelle. Aus den myeloischen Vorläuferzellen entwickeln sich die roten Blutkörperchen (Erythrozyten), die Blutplättchen (Thrombozyten) und zwei Untergruppen weißer Blutkörperchen (Leukozyten), die Granulozyten und die Monozyten. Alle anderen weißen Blutkörperchen entstehen aus den lymphatischen Vorläuferzellen. Sie werden als Lymphozyten bezeichnet. In einem ungestörten Blutbildungsprozess entwickeln sich durch weitere Teilung und Reifung aus allen Vorläuferzellen die verschiedenen Arten reifer Blutzellen. Diese werden dann aus dem Knochenmark in das Blut freigesetzt und übernehmen ihre Funktionen im Körper.

Leukämien können in vier Hauptgruppen unterteilt werden:

  • Akute lymphoblastische Leukämie (ALL)
  • Akute myeloische Leukämie (AML)
  • Chronische lymphatische Leukämie (CLL)
  • Chronische myeloische Leukämie (CML)


AKUTE LYMPHOBLASTISCHE LEUKÄMIE (ALL)

Die ALL ist eine Erkrankung, bei der Zellen, die sich normalerweise zu Lymphozyten entwickeln, funktionsuntüchtig werden und die normalen Zellen im Knochenmark ersetzen. Die ALL ist die häufigste Form der Leukämie im Kindesalter und tritt insbesondere im Kindergartenalter (2-5 Jahre) auf. Bei Erwachsenen tritt sie vergleichsweise selten auf.

AKUTE MYELOISCHE LEUKÄMIE (AML)

Die AML ist eine Erkrankung, die von myeloischen Vorläufer-Zellen ausgeht, die sich zu roten oder weißen Blutkörperchen oder zu Vorstufen von Blutplättchen entwickelt hätten. Die AML ist die häufigste Form akuter Leukämien bei Erwachsenen und eher älteren Menschen – etwa die Hälfte der Patienten ist über 70 Jahre.

LYMPHATISCHE LEUKÄMIE (CLL)

Die CLL ist eine Erkrankung, bei der sich reif erscheinende Lymphozyten vermehren, die aber nicht funktionstüchtig sind. Die entarteten Zellen befinden sich in den lymphatischen Organen Lymphknoten, Milz, Knochenmark, aber auch im Blut. Aus diesem Grund wird die Erkrankung sowohl zum Lymphdrüsenkrebs (Lymphomen) als auch zu den Leukämien als zugehörig angesehen.

Jährlich erkranken 4,8 pro 100 000 Einwohner neu an der CLL. Damit ist sie die häufigste Leukämie im Erwachsenenalter. Sie betrifft vor allem Patienten im fortgeschrittenen Lebensalter

CHRONISCHE MYELOISCHE LEUKÄMIE (CML)

Die CML ist eine Erkrankung, bei der durch einen sehr speziellen Gendefekt, das „Philadelphia-Chromosom“ viel zu viele weiße Blutkörperchen, die sogenannten Granulozyten, gebildet werden. Sie vermehren sich ungehindert und treten vom Knochenmark ins Blut über. Die Langsamkeit der Erkrankung kann – sofern sie unbehandelt bleibt – nach Jahren in einen schnelleren Verlauf übergehen und dann wie eine akute Leukämie erscheinen.

Die CML wird 1- bis 2-Mal jährlich pro 100.000 Einwohner diagnostiziert und kann damit als selten angesehen werden. Die Leukämieform kann in jedem Lebensalter auftreten, das Risiko nimmt jedoch mit steigendem Alter zu.

Wer kann Leukämie bekommen?

Jeder kann Leukämie bekommen. Die wenigen bekannten Risikofaktoren haben statistisch gesehen nur bei sehr wenigen Patienten einen Einfluss. Bei den meisten Erkrankten entsteht eine Leukämie schicksalhaft durch zufällige, vom Körper nicht zu reparierende Veränderungen im Entstehungsprozess von weißen Blutkörperchen.

Welche Leukämie haben Kinder?

Kinder und Jugendliche erkranken weit überwiegend an akuten Leukämien, bevorzugt an der ALL. Eine chronische myeloische Leukämie tritt bei Kindern und Jugendlichen nur sehr selten auf. Die CLL kommt in diesem Alter nicht vor

Welche Leukämie haben Erwachsene?

Erwachsene können an allen Leukämieformen erkranken. Unter den akuten Leukämien ist die AML die häufigere Erkrankung. Im Höheren Lebensalter ist die CLL die häufigste Leukämie.

Ist Leukämie heilbar?

Aufgrund von intensiver Forschungsarbeit in den vergangenen Jahrzehnten konnten die Behandlungsmöglichkeiten und Heilungschancen bei akuter lymphatischer Leukämie (ALL) und aktuer myeloischer Leukämie (AML) deutlich verbessert werden. In vielen Fällen ist durch eine intensive Chemotherapie eine Heilung möglich, insbesondere bei erwachsenen Patienten wird oft auch eine besonders intensive Therapie, die Stammzelltransplantation, erforderlich.

Die Therapiemöglichkeiten der chronischen myeloischen Leukämie (CML) haben sich durch die Entwicklung von zielgerichteten Medikamenten in den vergangen Jahren deutlich verbessert. Die Patienten sind auf Medikamente angewiesen, führen damit jedoch überwiegend ein normales Leben. Schwieriger ist die Situation in den fortgeschrittenen Stadien, in der häufig intensive Therapiemaßnahmen wie die Stammzelltransplantation zur Anwendung kommen müssen.

Bei der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) steht eine Vielzahl an Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die individuell angepasst an den Patienten angewendet werden. Damit kann die Krankheit über oft sehr lange Zeiträume gut kontrolliert werden.

Wie erkennt man eine Leukämie?

Manche Leukämien können am Anfang unauffällig verlaufen und kaum Beschwerden auslösen. Häufig sind es allgemeine Symptome, die auch bei harmlosen Erkrankungen vorkommen können. Hierzu zählen beispielsweise Abgeschlagenheit, Blässe, eine Blutungsneigung oder häufige Infekte. Die Diagnose Leukämie kann erst durch die Untersuchung von Blut und Knochenmark sicher gestellt werden.

Häufige Symptome akuter und chronischer Leukämien

Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Blässe

Mangel an roten Blutkörperchen

Häufige Infektionen und Fieber

  • Mangel an funktionstüchtigen weißen Blutkörperchen

Verstärkte Neigung zu Blutungen, wie Nasen- oder Zahnfleischbluten, punktförmige Hautblutungen (Petechien) und blaue Flecken (Hämatome)

  • Mangel an Blutplättchen

Knochenschmerzen

  • Krankhafte Veränderungen im Knochenmark

Druck- und Völlegefühl und/oder Schmerzen im Oberbauch

  • Schwellung der Milz und/oder der Leber

Appetitlosigkeit und ungewollter Gewichtsverlust

Wie wird eine Leukämie festgestellt?

Wichtige Untersuchungsschritte zum Nachweis einer Leukämie sind:

  • körperliche Untersuchung
  • Blutbild und mikroskopische Untersuchung eines Blutausstrichs
  • Knochenmarkuntersuchung

Im Zusammenhang mit der Krankheitsgeschichte und körperlichen Untersuchung kann das Blutbild einen Verdacht auf eine Leukämie erhärten oder bestätigen. Zur Sicherung der Diagnose und genauen Zuordnung der Leukämie ist es notwendig, auch das Knochenmark des Patienten zu untersuchen.

Wie stört Leukämie die Blutbildung?

Bei einer Leukämie kommt es zu einer Vermehrung von weißen Blutkörperchen am Ort der Blutbildung, im Knochenmark. Dabei steigen die funktionsuntüchtigen, unreifen Blutzellen an. Diese stören die normale Blutbildung.

Welcher Blutwert zeigt Leukämie an?

Die Anzahl von Leukozyten im Blut liegt bei Gesunden zwischen 4.000 und 10.000 Zellen pro Mikroliter (µl). Diese Anzahl ist bei einem Patienten, der an Leukämie erkrankt ist, oft deutlich erhöht. Als Ausdruck der verminderten Blutbildung kann die Zahl aber auch erniedrigt sein, und selbst normale Werte schließen eine Leukämie nicht aus. Auch ein Mangel an roten Blutkörperchen und Blutplättchen im Blutbild kann auf eine Leukämie hinweisen.

Welcher Arzt behandelt Leukämie?

In der Regel ist der Hausarzt erster Ansprechpartner bei allgemeinen Beschwerden. Sollte sich nach der Blutuntersuchung ein Verdacht auf eine Leukämie ergeben, überweist der Hausarzt den Betroffenen – bei einer akuten Leukämie an ein spezialisiertes Behandlungszentrum und/oder Klinik. Dort werden dann die weiteren diagnostischen Maßnahmen durchgeführt, der Therapieplan erstellt und umgehend behandelt. Bei einer chronischen Leukämie übernehmen in der Regel niedergelassene Hämatologen und Onkologen die Therapieempfehlung und Betreuung.

Wie wird Leukämie behandelt?

Akute Leukämien

Patienten mit akuter lymphatische Leukämie (ALL) und akuter myeloische Leukämie (AML) benötigen  eine intensive Chemotherapie. Die Therapie erfolgt in mehreren Phasen mit unterschiedlichen Wirkstoffkombinationen nach einem bestimmten Schema und dauert bei beiden Erkrankungen mindestens ein halbes Jahr. Bei der ALL schließt sich nach einer intensiven Akutbehandlung eine mildere Erhaltungstherapie an. Diese soll das Rückfallrisiko weiter reduzieren und verhindern, dass im Knochenmark wieder veränderte Blutzellen entstehen. Patienten mit besonders hohem Rückfallrisiko, darunter viele Erwachsene mit AML, erhalten eine Stammzelltransplantation von einem möglichst gut passenden Fremd- oder Familienspender. Für Patienten mit Rückfällen einer ALL sind in jüngerer Zeit neue Antikörper-basierte Therapien und Medikamente entwickelt worden, die die Krankheit wieder unter Kontrolle bringen und sogar noch heilen können.

Chronische Leukämien

Die Standardtherapie für die CML ist eine Behandlung mit sogenannten Tyrosinkinasehemmern. Das sind neue Wirkstoffgruppen einer zielgerichteten Therapie der CML. Sie hemmen gezielt ein Eiweiß, das für die unkontrollierte Vermehrung der Leukozyten verantwortlich gemacht wird. Dazu stehen aktuell drei Wirkstoffe zur Verfügung:  Imatinib, Nilotinib und Dasatinib. Die Erkrankung kann mit diesen Wirkstoffen oft über viele Jahre kontrolliert gehalten werden.

Bei der CLL gibt es verschiedenen Behandlungsoptionen, die ebenfalls eine langjährige Kontrolle der Erkrankung möglich machen. Dazu zählen abwartende Beobachtung (“watch and wait”), milde Tabletten-Chemotherapien oder auch Infusionschemotherapien, zielgerichtete medikamentöse Hemmstoffe und Immuntherapien sowie in Ausnahmefällen eine Stammzelltransplantation.

Vollständige Überprüfung Oktober 2020, Univ.-Prof. Dr. Claudia Rössig, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, Universitätsklinikum Münster

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher Sprachformen verzichtet und das generische Maskulinum verwendet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beide Geschlechter.